Skip to main content
search
0

Interview mit Digitalradio Büro Deutschland

15 Jahre DAB+: Digitalradio startet mit ASA in eine neue Ära

25. September 2026

<strong>Carsten Zorger</strong>, Leiter Digitalradio Büro Deutschland

Am 1. August 2011 fiel mit dem Start der ersten nationalen DAB+ Programmplattform der Startschuss für eine neue Ära des digitalen Hörfunks in Deutschland. 15 Jahre später hat sich DAB+ als wichtiger Radioempfangsweg etabliert und punktet mit einer großen Programmvielfalt, digitaler Klangqualität und einem kontinuierlich ausgebauten Sendernetz. Pünktlich zum Jubiläum folgte nun der nächste bedeutende Meilenstein: Zum bundesweiten Warntag ging am 10. September 2026 Automatic Safety Alert (ASA) in Deutschland on Air. Die neue Sicherheitsfunktion ermöglicht es, die Bevölkerung bei akuten Gefahren schnell und zuverlässig über kompatible DAB+ Radiogeräte zu warnen. In unserem Interview blicken wir auf 15 Jahre DAB+ zurück, sprechen über die Zukunft von UKW sowie die Vorteile von ASA und wagen einen Ausblick auf die weitere Entwicklung des Digitalradios.

SATVISION: Am 1. August 2011 startete die erste nationale DAB+-Programmplattform in Deutschland. Wie hat sich DAB+ in den vergangenen 15 Jahren entwickelt, und kann man heute von einem flächendeckenden digitalen Rundfunknetz sprechen?

Carsten Zorger: Als wir 2011 gemeinsam mit den ersten privaten Radiopionieren die erste bundesweite DAB+ Plattform starteten, waren lediglich rund 27 Senderstandorte aktiv, sodass die Programmauswahl entsprechend überschaubar war. Heute, 15 Jahre später, umfasst allein unser erstes nationales Netz 184 Standorte und bis zum Jahresende sollen es bis zu 192 werden. Über 78 Millionen Menschen, also mehr als 92 Prozent der Bevölkerung, können die bundesweiten Programme bereits mit einer einfachen Zimmerantenne empfangen. Mobil liegt die Flächenversorgung bei über 97 Prozent und entlang der Autobahnen sogar bei über 99 Prozent. Insofern kann man tatsächlich von einem nahezu flächendeckenden digitalen Rundfunknetz sprechen, auch wenn es natürlich noch letzte Lücken gibt, an deren Schließung wir kontinuierlich arbeiten. Insgesamt stehen heute bundesweit, regional und lokal weit über 300 Radioprogramme digital-terrestrisch zur Verfügung, mehr als 100 davon ausschließlich digital.

SATVISION: DAB+ bietet Hörern heute eine große Programmvielfalt. Warum wäre ein vergleichbares Angebot über den analogen UKW-Hörfunk technisch kaum realisierbar?

C. Zorger: Der Unterschied liegt im Übertragungsprinzip. Bei UKW benötigt jedes Programm eine eigene Frequenz für ein eigenes Sendegebiet. Frequenzen sind ein knappes Gut und in Ballungsräumen oft schon vollständig vergeben. DAB+ überträgt dagegen mehrere Programme gemeinsam über eine sogenannte Programmplattform auf einer einzigen Frequenz, digital aufbereitet. Dadurch lässt sich dieselbe Frequenzressource deutlich effizienter nutzen. So ist es möglich, heute über 300 Programme digital-terrestrisch anzubieten und somit ein Vielfaches dessen, was über UKW realistisch möglich wäre. Ein Beispiel ist das dritte Deutschlandradio-Programm, Deutschlandfunk Nova: Als bundesweites Angebot, das sich vor allem an jüngere Zielgruppen richtet, wäre es über UKW schlicht nicht umsetzbar, weil es dafür keine passende Frequenzausstattung gäbe.

SATVISION: Welche Vorteile bietet DAB+ gegenüber Internetradio, und welcher der beiden Empfangswege wird sich Ihrer Einschätzung nach langfristig stärker behaupten?

C. Zorger: DAB+ funktioniert nach dem klassischen Rundfunkprinzip: Ein Sender erreicht beliebig viele Hörerinnen und Hörer gleichzeitig, ohne dass die Übertragung dadurch langsamer oder instabiler wird. Beim Internetradio wird für jede Hörerin und jeden Hörer eine eigene Datenverbindung aufgebaut. Bei großer gleichzeitiger Nachfrage, etwa bei einem Großereignis, kann dies an Kapazitätsgrenzen stoßen. DAB+ hat einen weiteren Vorteil: Es funktioniert ohne Internetverbindung, ohne Datenverbrauch und unabhängig vom Mobilfunknetz. Das kann in Krisensituationen, wie wir sie aus der Flut im Ahrtal 2021 kennen, wenn Mobilfunk- und Digitalfunknetze zusammenbrechen, entscheidend sein.

SATVISION: Wie viele Haushalte in Deutschland verfügen heute über mindestens ein DAB+-Radio, und wie hat sich die Geräteausstattung in den vergangenen Jahren entwickelt?

C. Zorger: Nach den aktuellen Audio Trends 2025 verfügen 40 Prozent der deutschen Haushalte über mindestens ein DAB+-Radio. Allein gegenüber dem Vorjahr sind rund zwei Millionen Haushalte hinzugekommen. Ein wichtiger Wachstumstreiber ist das Auto: Seit die Digitalradiopflicht in Europa Ende 2020 für Neuwagen mit Radio verbindlich wurde, ist der Anteil kontinuierlich gestiegen. Heute ist bereits etwa jeder vierte Pkw in Deutschland mit einem DAB+-Autoradio ausgestattet. Auch der Gerätemarkt insgesamt hat sich vom Nischenprodukt zum Massenmarkt entwickelt. Verbraucherinnen und Verbraucher können mittlerweile aus mehreren Hundert Modellen wählen.

SATVISION: Wann halten Sie einen bundesweiten Ausstieg aus dem analogen UKW-Hörfunk für realistisch, und welche Voraussetzungen müssten dafür noch erfüllt werden?

C. Zorger: Einen festen Termin für einen bundesweiten Ausstieg aus UKW gibt es nicht. Das ist jedoch kein Versäumnis, sondern bewusst so vorgesehen. Wann und wo UKW abgeschaltet wird, entscheiden die Länder gemeinsam mit den Sendern vor Ort. Entscheidend ist, wie weit die Versorgung mit DAB+ in der jeweiligen Region bereits fortgeschritten ist.

Eine Vorreiterrolle übernimmt Schleswig-Holstein. Dank seiner geografischen Lage und einer Rundfunklandschaft, in der sich öffentlich-rechtliche und private Anbieter früh auf einen gemeinsamen Kurs verständigt haben, sind die Voraussetzungen dort besonders günstig. Bis Mitte 2031 soll der Umstieg abgeschlossen sein. Erste Sender vollziehen den Wechsel bereits seit 2025 Schritt für Schritt.

Dass ein solcher Prozess mit Augenmaß erfolgen muss, zeigt die Schweiz. Dort schaltete der öffentlich-rechtliche Rundfunk UKW bereits Ende 2024 ab. Die ursprünglich für Ende 2026 vorgesehene landesweite Abschaltung wurde nach Protesten einzelner Veranstalter vom Parlament gestoppt. UKW bleibt damit bis mindestens 2034 bestehen. Allerdings wird Radio in der Schweiz inzwischen zu bis zu 80 Prozent digital gehört. UKW hat dort also nur noch einen vergleichsweise geringen Anteil.

SATVISION: Was steckt hinter dem neuen Warnsystem Automatic Safety Alert (ASA) für DAB+, wie funktioniert es technisch und welche Vorteile bietet es den Nutzern?

C. Zorger: ASA ist ein neues, international als ETSI-Standard genormtes Sicherheitssystem, das DAB+ Radios im Krisenfall automatisch aktiviert. Befindet sich ein Gerät im Standby, kann es durch eine amtliche Sicherheitsmeldung vollständig aufgeweckt werden, auch mitten in der Nacht. Läuft das Radio bereits, schaltet es für die Dauer der Durchsage automatisch auf den Sender mit der Sicherheitsmeldung um. Dazu überwacht das Gerät im Hintergrund fortlaufend eine DAB+ Plattform auf entsprechende Signalisierungen.

Der entscheidende Vorteil für die Hörerinnen und Hörer besteht darin, dass ASA vollständig unabhängig von Mobilfunk und Internetverbindungen funktioniert, solange das Gerät mit Strom versorgt ist, über Netzanschluss oder Batterie. Zudem lassen sich Sicherheitsmeldungen über einen Standortcode regional eingrenzen, sodass gezielt nur die betroffenen Regionen erreicht werden und nicht die gesamte Bevölkerung.

SATVISION: Pünktlich zum bundesweiten Warntag am 10. September 2026 ist der Service „ASA DE“ deutschlandweit über das DAB+-Netz on air gegangen. Welchen Entwicklungsstand hat ASA inzwischen erreicht?

C. Zorger: Mit dem bundesweiten Warntag ist ASA DE als nationaler Service über das DAB+ Netz von Deutschlandradio und Media Broadcast in den Einführungsbetrieb gestartet. Der Regelbetrieb ist ab 2027 vorgesehen, aber aktuelle Warnungen werden seit dem 10. September über den bundesweit verfügbaren Service ASA DE verbreitet.

SATVISION: Warum ist DAB+ als Verbreitungsweg für Warnmeldungen besonders krisensicher?

C. Zorger: DAB+ Sendestandorte liegen häufig in erhöhter Position und verfügen über eine eigene Notstromversorgung. Anders als viele Mobilfunkstandorte fallen sie bei einem großflächigen Stromausfall daher nicht so schnell aus. Das wurde bei der Flutkatastrophe im Ahrtal sehr deutlich: Während die höher gelegenen Rundfunksender weiter funktionierten, brachen Telefon- und Mobilfunknetze sowie der Digitalfunk der Behörden zusammen. Hinzu kommt das Rundfunkprinzip selbst: Anders als beim Mobilfunk, wo jede einzelne Verbindung Kapazität bindet und die Netze bei Massenandrang schnell überlastet sind, kann ein DAB+-Sender beliebig viele Empfänger gleichzeitig erreichen, ohne dass die Übertragung darunter leidet.

SATVISION: Bei einem Ortswechsel muss der neue Standort bei entsprechenden ASA-Empfangsgeräten manuell über einen zwölfstelligen Code hinterlegt werden, damit lokale Warnmeldungen korrekt zugeordnet werden können. Ist künftig eine automatische Standortanpassung ohne manuelle Codeeingabe geplant?

C. Zorger: Die manuelle Eingabe eines Standort-Codes, der einmalig über www.asa.radio erzeugt wird, war für den Start bewusst so gewählt. Sie funktioniert ohne Internetverbindung am Gerät, ohne App und es müssen keine personenbezogenen Standortdaten dauerhaft gespeichert werden. Für die Zukunft ist eine komfortablere, automatische Positionsbestimmung denkbar, etwa über eine Smartphone-App, die den Standort ermittelt und ihn anschließend per Bluetooth an das Radio überträgt. Dies ist eine mögliche Weiterentwicklung, für die es aber noch keinen konkreten Zeitplan gibt. Zudem soll ASA auch in preisgünstigen Radios angeboten werden, was eine relativ einfache Eingabe erfordert. Damit leisten wir einen niedrigschwelligen Zugang zu zusätzlicher Sicherheit.

SATVISION: Wie viele DAB+-Empfangsgeräte sind mittlerweile für ASA geprüft sowie zertifiziert und dürfen das entsprechende Gütesiegel tragen?

C. Zorger: Stand August 2026 sind rund 35 Modellvarianten von Herstellern wie TechniSat, Kenwood, Albrecht, Imperial, Denver, Kendo, Lenco, Pure und Medion ASA-zertifiziert und tragen das offizielle ASA-Logo.

SATVISION: Welche Bedeutung wird ASA Ihrer Ansicht nach künftig im deutschen Warnmix neben Cell Broadcast, Warn-Apps und klassischen Sirenen einnehmen?

C. Zorger: ASA ist eine Ergänzung im Warnmix. Jeder Kanal hat eigene Stärken: Sirenen wirken sofort und akustisch im Freien, Cell Broadcast und Warn-Apps erreichen viele Menschen direkt auf ihrem Smartphone, vorausgesetzt, das Mobilfunknetz steht. ASA schließt eine wichtige Lücke dort, wo diese Netze ausfallen oder überlastet sind. Zusätzlich können auch Menschen erreicht werden, die schlafen oder ihr Smartphone gerade nicht bei sich haben.

SATVISION: Bitte vervollständigen Sie zum Abschluss folgenden Satz: „Die Einführung der neuen ASA-Warnfunktion bedeutet für die Zukunft von Digitalradio DAB+, dass …“

C. Zorger: … es seine Rolle als etablierter Rundfunkstandard weiter stärkt. DAB+ steht längst nicht mehr nur für Information und Unterhaltung. Mit der Einführung von ASA kommt eine wichtige Funktion für den Bevölkerungsschutz hinzu und zeigt zugleich, welchen besonderen Stellenwert Radio als verlässliches Begleitmedium für die Bevölkerung hat.

SATVISION: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Diesen Artikel downloaden

Sie erhalten:

  • den vollen Artikel so, wie er in der SATVISION publiziert worden ist, im Portable Document Format/PDF.

Hier stellen wir alle wesentlichen Hinweise zum Lesen des Artikels dar, bspw. mit dem Adobe Acrobat Reader DC. Wenn Sie unsere Artikel-Flatrate buchen, können Sie alle Artikel der SATVISION lesen.

somdn_product_page

Kostenloser Download

<strong>Carsten Zorger</strong>, Leiter Digitalradio Büro Deutschland

Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein. Sie erhalten anschließend einen Bestätigungslink zum Download.

Download
Close Menu