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Interview mit Digitalradio Büro Deutschland

Wirtschaftliche Belastung Simulcast: UKW-Radio kurz vor der Abschaltung?

27. März 2026

Carsten Zorger, Digitalradio Büro Deutschland

Die parallele Ausstrahlung von UKW- und Digitalradio kann für die Sender zu einer bedrohlichen wirtschaftlichen Belastung werden. Steht die analoge UKW-Verbreitung daher kurz vor der Abschaltung? Und warum senden die verschiedenen Radioprogramme via DAB+ mit unterschiedlichen Bitraten? Welche Folgen hat dieser Umstand für das Hörerlebnis von Radionutzern? Und wann startet der Regelbetrieb des ASA-Warnsystems über DAB+? Dazu sprachen wir mit Herrn Carsten Zorger, Leiter des Digitalradio Büro Deutschland.

SATVISION: Für welchen Zeitpunkt ist die bundesweite Einführung des neuen ASA-Warnstandards für Digitalradio in Deutschland geplant?

Carsten Zorger: ASA wird in Deutschland schrittweise vorbereitet und befindet sich aktuell in einer intensiven Entwicklungsphase. Nach erfolgreichen Erprobungen auf der IFA 2025 und an den bundesweiten Warntagen wird dieses Jahr zum zentralen Meilenstein für den flächendeckenden Roll-out. Bis zum Warntag im September 2026 wird eine signifikante Auswahl ASA-zertifizierter Geräte im Handel erwartet, darunter Modelle, die Warnungen auch visuell auf Farbdisplays anzeigen; derzeit sind rund 35 zertifizierte Geräte verfügbar. ARD und Deutschlandradio stimmen die netzseitige Implementierung in Arbeitsgruppen ab und prüfen deren korrekte Umsetzung. Bis September sollen die nächsten Schritte für den bundesweiten Regelbetrieb stehen – voraussichtlich startend mit dem Warntag 2026. Technisch kann ASA zertifizierte DAB+ Radios bei Bedarf aus dem Standby aktivieren, auf einen Warnkanal umschalten und regionale Handlungsempfehlungen ausspielen – unabhängig von Mobilfunk und Internet. Die Technologie ist live testbar über die erste nationale Programmplattform, exemplarisch über „Dokumente und Debatten (DokDeb)“, nach Einrichtung per Sendersuchlauf und Standortcode (Eiffelturm/Paris: 1253-3513-3668), wobei alle fünf Minuten ein 30-Sekunden-Testalarm die Umschaltung auslöst. Weitere Infos gibt es hier: www.dabplus.de/asa.

SATVISION: Schleswig-Holstein hat als erstes Bundesland den Umstieg aus dem analogen UKW-Hörfunk bis 2031 beschlossen. Welchen Zeitpunkt stufen Sie für einen bundesweiten Umstieg als realistisch ein und wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass die UKW-Abschaltung in allen Bundesländern möglichst gemeinschaftlich und zeitnah erfolgt?

C. Zorger: Schleswig-Holstein übernimmt hier eine Vorreiterrolle: Politik, Landesmedienanstalt sowie öffentlich-rechtliche und private Sender haben sich auf einen gemeinsamen Konsensplan verständigt. Dieses abgestimmte Vorgehen ist enorm wichtig, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden – denn Radiowellen machen nicht an Landesgrenzen halt. Zudem ist die parallele Ausstrahlung (Simulcast) für die Sender eine erhebliche wirtschaftliche Belastung. Gleichzeitig bleibt die UKW-Verbreitung für viele private Veranstalter weiterhin eine wichtige Einnahmequelle. Aktuell gibt es keine politischen Signale für einen bundesweiten Umstieg. Dennoch geben regionale Initiativen wie in Schleswig-Holstein der Digitalisierung Rückenwind – getragen vom Einvernehmen der Marktteilnehmer. Ein bundesweiter Wechsel zur Mitte der 2030er Jahre erscheint mir vor dem Hintergrund heutiger Lizenzierungen und Erlösmodelle als realistischer Zeitkorridor.

SATVISION: Im DAB+ Netz nutzen die meisten privaten Sender in Deutschland vergleichsweise niedrige Bitraten von 72 kbps, während öffentlich-rechtliche Programme oft mit 96 kbps oder mehr senden. Wie erklären Sie diese Unterschiede und inwiefern beeinflusst dies aus Ihrer Sicht das Hörerlebnis für das Publikum?

C. Zorger: Diese Unterschiede sind primär ökonomisch begründet: Private Sender müssen ihre Übertragungskapazitäten streng nach wirtschaftlicher Tragfähigkeit optimieren, während die öffentlich-rechtlichen Anstalten einen gesetzlichen Auftrag zur Förderung von Kultur und Musik haben, der oft höhere Datenraten für eine passende Qualität erfordert. Dank moderner Codecs wie HE-AAC v2 erzielen aber auch 72 kbps ein für die meisten Alltagssituationen sehr gutes, rauschfreies Hörerlebnis.

SATVISION: Norwegen gilt als Vorreiter bei der UKW-Abschaltung und ist mittlerweile fast vollständig auf den digitalen DAB+ Radiostandard umgestiegen. Was können wir diesbezüglich hierzulande aus den dortigen Erfahrungen lernen respektive mitnehmen?

C. Zorger: Norwegen lehrt uns vor allem zwei Dinge: Erstens führt die Digitalisierung zu einem enormen Zuwachs an Vielfalt – die Anzahl nationaler Programme stieg dort von fünf auf gut 30. Zweitens zeigt die Erfahrung, dass sich die Reichweiten nach einer kurzen Umstellungsphase stabilisieren und heute fast wieder das Niveau von vor der Abschaltung erreichen. Die Privatradios in Norwegen sind so profitabel wie nie, allerdings leben in Norwegen fünf Millionen Menschen, bei uns sind es über 80. Wir haben gelernt, dass eine ausreichende Übergangszeit für die Nachrüstung von Fahrzeugen entscheidend ist, weshalb wir in Deutschland auf einen schrittweisen und konsensbasierten Weg setzen.

SATVISION: Bitte vervollständigen Sie zum Abschluss den folgenden Satz: „Das Digitalradio DAB+ unterscheidet sich insofern von Internetradio, als dass …“

C. Zorger: … es als terrestrisches Rundfunksystem („One-to-Many“) völlig anonym, kostenfrei und unabhängig von Mobilfunknetzen funktioniert, wodurch es auch in Krisensituationen eine unübertroffene Resilienz und Erreichbarkeit für die gesamte Bevölkerung bietet.

SATVISION: Vielen Dank für dieses Gespräch.

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